Keglervereinigung 1972 e.V. Sandhausen

Die Zigarrenindustrie
in Sandhausen

Als Karl Ludwig Willnauer in den fünfziger Jahren des 18. Jahrhunderts mit der Eisenbahn in die Gegend von Basel fuhr, um dort das Zigarrenmachen zu erlernen, hatte er es sich nicht träumen lassen, dass sein Vorhaben für sein Heimatdorf solche Auswirkungen annehmen würde.
Wahrscheinlich hatte er schon lange vorher gehört und sich auch überzeugt, dass die Menschen in der Schweiz versucht hatten ihre schon lange währende Not durch Herstellen von Zigarren zu mildern. Die Sandhäuser waren in der Selben Lage, und Ludwig Willnauer wurde dieses Lied der Not schon an seiner Wiege gesungen.
Nach kurzer Lehrzeit kam er nach Sandhausen zurück und eröffnete in seinem Haus, heute Eckhaus Seegasse / Goethestrasse, den ersten Familienbetrieb, in dem Zigarren hergestellt wurde.

 

Die angenehme und leichte Art der Zigarrenherstellung hatte verschiedene Vorteile, besonders für jene Zeit. Sie konnte in jedem einfachen Raum eines Hauses erlernt und ausgeübt werden. Allerdings brauchte man am Anfang ein kleines Kapital für Tabak, Formen und Pressen. Den Tabak kaufte man beim Bauern oder baute ihn selbst an. Die Gemeinde war schon 1816 genötigt, eine Tabakwaage zu erstellen, um die hier angebaute Tabakmenge beim Verkauf zu verwiegen und zu verzollen.

 

Die Tabakhändler kauften den Rohtabak im Winter auf und setzten ihn in Lagern auf große Haufen (Stöcke). Hier machte der Tabak eine natürliche Gärung durch (Fermentation) und erhielt davon seine goldbraune Farbe und sein feines Aroma. Dann konnte er in große Ballen gepresst und in Jute verpackt werden. So ging er an die Zigarrenhersteller. Aus diesen Ballen wurde ein Teil entnommen, durch ein Wasserbad gezogen und einen Tag liegen gelassen, bis er durchgeweicht war. Die dünnen spröden Tabakblätter wurden dadurch geschmeidig. Dann konnte man sie gut auseinanderfalten, entwickeln, glätten und die Mittelrippe des Blattes heraus nehmen. Die Arbeiter die diese Tätigkeit verrichteten nannte man Ripper oder Ripperinen. Die glatten, lochfreien Blätter gaben die Umblätter, die rissigen, löchrigen zupfte man in kleine Stückchen. Das gab die Einlage für die Zigarren.

Altes Bruns-Gebäude in der Hauptstrasse 92 ehem. Zigarrenfabrik Mayer (die grouß Fawwarik)

 

In den Zigarrenfabriken hatte sich eine unauffällige, konfliktlose Rangordnung entwickelt, die die täglich 10 Stunden auf Tuchfühlung sitzenden Arbeiter und Arbeiterinnen vor Streitigkeiten bewahrte. So stand, von der Mehrheit anerkannt, an der Spitze des Betriebs der Fabrikant oder, wie man sagte *der Herr*. Als Vermittler zwischen *Herr* und Gefolgschaft fungierte der *Aufseher* oder Werkmeister. Im dritten Rang folgte die Gruppe der Zigarrenmacher. Sie wurden von den viertrangigen, den Wickelmachern, ohne Murren respektvoll bedient. In der fünften Gruppe befanden sich die Ripperinen, meist alte, gebrechliche Frauen, die ihren Lebensunterhalt mit viel Fleiß und Geduld, bei schlechtester Entlohnung, in der Fabrik verdienten. Eine Sonderstellung nahmen die Arbeiter in der Verpackung ein. Wegen ihrer besseren und sauberen Arbeit waren sie in jedem Zigarrenbetrieb in einer räumlich gesonderten Abteilung untergebracht. Sie hatten die Aufgabe dem Raucher die Zigarren auf exzellente Art darzubieten. Dieses System war in Jahrzehnten gewachsen und funktionierte lange Zeit ausgezeichnet.

 BRUNS BEY RHEIN, Teil des Innenhofes in den fünfziger Jahren

 

Die Zigarre, ein Genuss- und Vergnügungsmittel, hat im Laufe der Zeit viele Wandlungen erfahren. Die ersten Zigarren mögen anfänglich nur aus einheimischem Tabak hergestellt worden sein. Nicht lange dauerte es, so erhielten sie dünne ausländische Deckblätter. Als die Ansprüche der Raucher sich steigerten, mischte man zu der einheimischen Einlage, ausländische Tabake wie Brasil, Havanna und Mexiko oder Java und Sumatra bei, die ein feineres Aroma und weniger Nikotin enthielten. Als die Zigarre den Durchbruch und festen Platz bei den männlichen führenden Schichten gefunden hatte, überschlugen sich die Fabrikanten mit der Herstellung neuer Formen. Feinfühlend und schnell hat sich auch die Verpackung dem Trend des Aufschwungs angepasst. Während anfänglich dem Käufer die rohe Zigarre aus einem Bund oder in Papiertüten verabreicht wurde, tauchten 1870 einfache Holzkisten aus Furnier auf. Damals entstand in Sandhausen die 'Schneidmühl', ein Sägewerk, das im Sog des Aufschwungs Kistchen in allen Größen aus Edelholz produzierte. Man ging sogar soweit, die seiden glänzenden Zedern- und Gabunkistchen mit weißen, goldenen oder farbigen Klebestreifen zu versehen. Diese luxuriöse Ausstattung wurde in den Packstuben der Zigarrenfabriken vorgenommen. Sie hat die Aufstrebende Zigarre in den oberen Kreisen salonfähig gemacht.

 Zigarrenfabrik N. Marx Söhne in der Schneidmühlstraße

 

Wenn man den Werdegang der Zigarrenindustrie verfolgt, so war es zuerst ein Siegszug der Zigarre, dann der Kampf der Zigarre mit der Zigarette und schließlich der Sieg der Zigarette über die Zigarre. Im Wandel der Zeit entdeckte die Jugend die verschiedenen Vorteile der Zigarette: Sie bot einen kurzen Genuss, ging nicht aus, war leichter und prickelnder im Geschmack, war preislich billiger und leichter zu handhaben. Aufgrund dieser Tatsachen eilte die Zigarette siegreich in die neue Zeit. Als letzte Zigarrenfabrik in Sandhausen schloss die Firma Kölle im Jahre 1976 ihre Tore. Entscheidend für Sandhausen war es, dass es die Zigarre war, die den armen Sandhäusern 125 Jahre lang Arbeit und Brot gegeben hat.

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(Daten und Bilder sind teilweise aus dem Heimatbuch der Gemeinde Sandhausen von 1986 entnommen)